Rigi-Literaturtage 2012: Rückblick


Ein Räuberhauptmann und Maggi, Aromat, Zahnstocher


Auf der Rigi luden Autoren und Verleger zu Lesungen und Blicken hinter die Kulissen: Die Rigi- Literaturtage sind im Aufwind.

Am Freitag- und am Samstagabend füllte sich der Saal des Hotels Rigi Kaltbad: Am Freitag zu den Lesungen von Alice Schmid und Margrit Schriber, zu Texten von Josef Maria Camenzind, über den am Sonntagmorgen diskutiert wurde, und zur Vorführung von Alice Schmids Erfolgsfilm «Die Kinder vom Napf». Am Samstag las Lukas Hartmann aus seinem «Räuberleben», der Geschichte des Räuberhauptmanns Hannikel, der in die Schweiz flüchtet, im Bündnerland ergriffen und vom gefürchtetsten Menschenjäger seiner Zeit zurück nach Sulz in Württemberg geschafft, verhört und hingerichtet wird. Er sei, sagt Lukas Hartmann, vom 18. Jahrhundert, in dessen letzten Dekaden seine Geschichte spielt, fasziniert: «Es ist eine vergangene Zeit, die doch mehr mit der heutigen zu tun hat, als es den Anschein macht. In der Zeit von Aufklärung und Revolution kündigt sich vieles an.» Viele Fragen, die noch heute beschäftigen, stellten sich damals, stellen sich in Lukas Hartmanns Roman: Wo liegt die Wahrheit, wie geht man mit Menschen, mit Gefangenen um, was darf sich einer im Dienst der Mächtigen an eigenen Gedanken leisten?

Mit Alpenklängen

Das zeigt der Autor an der Gegenfigur des Oberamtmanns Schäffer, am Schreiber Grau, der Mitleid hat mit Dieterle, Hannikels Sohn, der mitgefangen ist. Lukas Hartmann skizzierte die Zeit um 1786, in der sein Roman spielt, umriss die Handlung seines Romans, las drei, vier längere Auszüge.
Die beiden Musiker Hanspeter Wigger mit Büchel, Alphorn und Trompete und John Wolf Brennan mit Melodica und Piano setzten davor und dazwischen Klangbilder. Mit Alpenklängen zogen sie in den Saal, liessen den Büchel im offenen Flügel nachhallen. Sie setzten zu Volksliedweisen an, umspielten das Motiv des Postautohorns. John Wolf Brennan zupfte mit Fingern die Saiten, dämpfte ab, zog eine lose Saite um die gespannten und spielte wieder Tastenläufe.
Silvia Götschi, eine der Organisatorinnen der Rigi-Literaturtage, mit ihrer «Literaturwerkstatt» selbst Verlegerin, erzählte am Samstagvormittag vom Abenteuer, das so ein kleiner Verlag bedeutet, und liess hinter die Kulissen blicken: Ihre Autorin Anita Schorno erzählte vom Entstehen ihres Trachten- Kinderbuchs «Eins und Hupf». Über seinen Beitrag zum Buch sprach der Lehrer und Musiker Martin Imlig, der dazu ein Lied komponierte und mit den Kindern der Schule Steinerberg einspielte.
Der Alpnacher Verleger Martin Wallimann und sein Autor Dominik Brun, dessen neuer Roman «Gegenzüge» in den nächsten Tagen in Druck geht, liessen sich in die Karten blicken: Der Autor gab Bericht von der Arbeit mit der Lektorin. Mit professionellen Lektoren zusammenzuarbeiten, ist dem Verleger überaus wichtig: «Bücher verlegen heisst auch, am Text zu arbeiten.» Martin Wallimann sprach von den Enttäuschungen, die er, der nur zweimal vier Bücher pro Jahr realisieren könne, 60 bis 70 Autorinnen und Autoren bereiten müsse, die ihre Manuskripte auch gedruckt sehen möchten.

Draussen nieselt der Nebel

Dominik Brun las dann am Samstagnachmittag nach Andrea Weibel, Olivia Weibel und Matthias Amann, den Preisträgern der Innerschweizer Literaturförderung, anstelle von Christina Viragh, die abgesagt hatte – nicht im Freien, wo der Nebel nieselte, sondern im Saal.
Nach dem Auftritt von Lukas Hartmann lichteten sich dort am späteren Abend die Reihen. Ein immer noch nicht allzu kleines Publikum liess sich vom archaischen Witz der «Gebirgspoeten» Rolf Hermann, Matto Kämpf und Achim Parterre in die Gegend des Absurden, des brachialen, grob gehauenen Humors in Bern- und Walliserdeutsch führen.

Mundart vom Groben

In blauem, grünem und rotem Karohemd sitzen sie am rot karierten gedeckten Tisch hinter drei Bierflaschen (Eichhof) und der landläufigen Menage (Maggi, Aromat, Zahnstocher) und reimen, singen, erzählen, einzeln, zu zweit, zu dritt: «Kiffe git Hunger, Chotze git Durscht, de Bund git Gäld – voilà.» Mal klingt es kirchlich, mal profan, und krude Kommentare begleiten eine Diaschau. Das waren urwüchsige Töne und unzimperliche Geschichten: Mundart vom Groben, knorzig und rau. Die dritten Literaturtage auf der Rigi, vom Innerschweizer Schriftstellerinnenund Schriftstellerverein (ISSV) mitorganisiert, waren für die Veranstalter mit gegen 300 Besuchern ein Erfolg.

Urs Bugmann

@ Neue Luzerner Zeitung