Bühnenlandschaften – von oben besichtigt

Die siebten Rigi-Literaturtage, 2.–4. September 2016

Ein reichhaltiger Bilderbogen der Zentralschweizer Theaterschaffens sollte es werden, vom Gespräch der Praktiker über grossangelegte Festspielproduktionen bis zum Jugendtheater, vom Geschichtsmythos bis zum kabarettistischen Couplet. Trotz des krankheitsbedingten Ausfallens von Marcel Gaberthuels Vorstellung des Schwyzer Japanesentheaters wurde das Ziel eines reichhaltigen Einblicks voll erreicht. Die Vernehmlassungen waren diesmal einem mittelalterlichen Monument gewidmet, nämlich dem Festspiel um die Morgarten-Feier, in dem Regisseurin Annette Windlin und Autor Paul Steinmann der ideologischen Vereinnahmung des Jubiläums entgegenzuwirken suchten, indem sie einen Wettstreit der feiernden Truppen in den Mittelpunkt stellten, in einer Produktion, die Laien und Profi-Musiker in einem tanzfreudigen Bilderbogen samt Wettbewerb der Chöre vereinte.
Wen wunderts, dass der obligate Film dem selben Thema galt, indem Erich Langjahrs Dokumentation von 1978 eine Reprise erfuhr.
Der Lyrikmorgen in der Bergkirche wurde von Otto Höschle eingeleitet, der sich poetische Betrachtungen zur Symbolik um Bruder Klaus vorgenommen hatte. Ganz ohne Gedrucktes kam Christoph Schwyzer aus, der eine ganze Reihe der verspielt-eleganten Gedichte von Robert Walser vortrug, kongenial begleitet von Markus Lauterburg, Perkussion. Eine beeindruckende Leistung, in der sich Präzision des Ausdrucks und spielerische Leichtigkeit die Waage hielten.
Wie alle zwei Jahre stellten wir die Gewinner der Zentralschweizer Literaturförderung vor, namentlich Carlo Meier, der eine Kostprobe seiner neuen Trilogie gab, zum zweiten Beat Vogt, dessen «Braddock» im gewaltgeladenen Milieu von Jugendlichen abgeht. Carlo Stuppia schildert die Integration einer sizilianischen Familie in Rapperswil, wobei die Fotografie eine Rolle spielt. Dolores Linggi kehrt in autobiografisch verankerten Prosagedichten ihr Privatestes sprachlich heraus.
Die Literatur auf dem Gipfel, dem Kulm, geriet mit Alex Capus zu einem Publikumsrenner. «Das Leben ist gut», meint die Oltner Szene, in der einer gelegentlich den Barmann spielt, der Capus sein könnte, wenn dieser nicht auf der Fiktionalität beharren würde. Ein glänzender Causeur war hier jedenfalls zugange.
Nach dem opulenten Apero brachten Frank Demenga und Karin Wirthner, begleitet von Annina Demenga, und Regula Küffer an Klavier und Flöte ein fulminantes Karl-Valentin-Programm auf die Bühne, das die Couplets und Monologe des legendären Münchners gänzlich entstaubt (und ohne Schellack-Rauschen) vom Sockel stürzte. Die vier waren verdienstvollerweise kurzfristig für Gaberthuel eingesprungen.
Gut ausgeschlafen traf sich die Runde zum sonntäglichen Wortwechsel, der wie immer das in den Vernehmlassungen vorgestellte Thema zur Diskussion stellte. Es moderierte Bernd Isele, Herausgeber einer Monografie zu den hiesigen „Bühnenlandschaften“. Der prägende Regisseur Volker Hesse traf auf die junge Autorin Martina Clavadetscher, der Schauspieler Sigi Arnold auf die Produzentin Ursula Hildebrand. MC problematisiertefdie Nähe zur heimatlichen Umgebung, UH die Konstellationen zwischen Laien und Profis, VH die Bedeutung der Laienelemente als Blutauffrischung, als vitale Mobilisierung von widersprüchlichen Paarungen gegen den schalen Mainstream. Autor-Regie-Paarungen wie Heinz Stalder und Louis Naef schreiben Erfolgsgeschichte. Eine anregende Diskussion!
Den Abschluss besorgten Lisa Bachmann und Thomy Truttmann mit live-Theater der hinreissenden Art. Ihr Jugendstück zwischen Drama, Tanz und Rap um den entflohenen Muni «Nandi» eroberte uns im Sturm und machte uns alle zu Vegetariern.
Adrian Hürlimann