Obwalden verliert eine grosse Persönlichkeit

Der Verleger, Politiker und Sportförderer Martin Wallimann ist im 56. Lebensjahr gestorben. Sein Wirken strahlte weit über Obwaldens Grenzen hinaus.
Für seine Familie und seine zahllosen Freunde ist es unfassbar und einfach nur unendlich traurig: Der uneigennützige, feinfühlig und charismatisch agierende Obwaldner Kulturförderer Martin Waliimann ist nicht mehr. Sein grosses Herz, welches für das kulturelle Leben in Obwalden und weit darüber hinaus unermüdlich zu schlagen schien, hat ihm am Mittwochabend seinen Dienst – unerwartet und plötzlich – versagt. Welchen Verlust allein die Literatur- und Kunstszene damit erleidet, wird man wohl erst mit der Zeit vollumfänglich erfassen und begreifen können.

Freude an der Mechanik

Wie er es nur anstelle, dass ihm weder Lust noch Atem vergehe und er noch immer drucke und verlege, obwohl man davon kaum leben könne, wurde Martin Wallimann einst gefragt. Seine Antwort war ebenso einfach wie bezeichnend: «Man lebt nicht davon, sondern dafür.» Martin Wallimann, 1958 in Alpnach geboren, liess sich vorerst zum Offsetdrucker ausbilden. Schon 1983 aber erkannte er, dass ihm rein industrielles Drucken niemals zusagen würde. Aus lauter Freude an der Mechanik und den alten Drucktechniken erstand er eine handwerkliche Buchdruckerpresse, und bald kam auch eine Steindruckpresse hinzu.

Glücksfall für die Zentralschweiz

Nun druckte er vom Stein, zog Lithografien ab. Kunstschaffende von nahund fern – Franz Bucher, KonradAbegg oder Godi Hirschi etwa – erkannten bald, dass hier einer war, der sein Handwerk verstand und mit Leidenschaft ausübte. Martin Wallimanns Atelier wurde zur kreativen Schmiede: Junge Kunstschaffende weilten bei ihm als Praktikanten. Lehrpersonen und Schulkinder lernten hier den Farb- und Schmierfettgeruch kennen. Das Atelier für Originalgrafiken wurde zum überaus kreativen Glücksfall für die Kunst in der Zentralschweiz.
«Wie die Jungfrau zum Kind bin ich zum Buch gekommen und Verleger geworden», bemerkte Martin Wallimann einmal gegenüber dem Kulturjournalisten Urs Bugmann. In der Tat: 1991 gestaltete er zum Kunstprojekt «Nebenflüsse» ein absolut ungewöhnliches Buch mit einem Stück Rasenteppich als Rücken und schräger Kante. Es blieb nicht das einzige. Als Martin Wallimann 2009 für sein Schaffen den Innerschweizer Kulturpreis erhielt, konnte Laudator Urs Bugmann bereits eine erstaunliche Bilanz ziehen: «Der Verlag Martin Wallimann ist nun volljährig und bietet Künstlerbücher, Kataloge, Editionen, Lyrik, Erzählbände undRomane an. Als Druckhandwerker, der er ist, richtet Martin Wallimann alle Sorgfalt auf die Herstellung.»
Wallimann war ein leidenschafflicher Leser. Obwohl er oft jene Literatur- und Kunstschaffenden förderte, welche nicht im Rampenlicht des lauten Kultur- und Eventbetriebs standen, geniesst sein kleiner Verlag heute in der Kulturszene landesweit grosses Ansehen. Einzigartig und eigenwillig war die grosse Liebe des Verlegers zur Anagrammkunst. Sein Engagement für diese stiefmütterlich behandelte Literatursparte unter anderem liess ihn dann auch zum Initianten der Buchmesse «Luzem bucht» werden.

Sportförderer und Sozialpolitiker

Als prägende Figur in der Kulturszene hat Martin Wallimann unauslöschliche Zeichen gesetzt. Spuren hinterlassen. Nicht vergessen darf man, dass er als Mitinitiant der Alpnacher Leichtathletikriege auch ein wichtiger Förderer von Sportlern war. Der Marathon-Europameister Viktor Röthlin etwa verdankt ihm sehr vieles. Dass die Biografie des Läufers 2010 im Verlag Wallimann erschienen ist, war darum kein Zufall.
Schliesslich gehörte Wallimann 2000 bis 2005 auch dem Obwaldner Kantonsrat an, wo er sich als Mitglied der CSP für kulturelle und vor allem auch soziale Anliegen einsetzte.
© Romano Cuonz, Obwaldner Zeitung

Martin Wallimann – ein Monument der Zentralschweiz

Im Alter von nur 55 Jahren ist, man nehme mir das Werturteil nicht übel, unsere derzeit ehrgeizigste und qualitativ beeindruckendste belletristische Verlegerpersönlichkeit, der Obwaldner Martin Wallimann, für seine Leser und nicht nur für die Innerschweizer Kultur- und Literaturszene völlig überraschend und kaum ersetzbar, aus dem Leben gerissen worden. Er war ein Mann mit hohem Wertbewusstsein, ästhetisch und ethisch, im Denken keineswegs ein Konformist, der dem Buchschaffen in der Innerschweiz Wege wies und neuen Rang markierte. Dies sowohl in gestalterischer als auch in inhaltlicher Hinsicht, mit Produktionen, die nicht nur saisonal, sondern auf Dauer angelegt waren.

Eines der besten Bücher, das er je herausgegeben hat, für mich eine Offenbarung einer Innerschweizer Autobiographie, war «Frau Bartsch», die Jugendgeschichte des ehemaligen Obwaldner Erziehungsekretärs, Publizisten, Radiomannes und nicht nur Mundartschriftstellers Julian Dillier, ein Obwaldner Vorläufer von Martin Wallimann als Innerschweizer Kulturpreisträger. Das Buch bringt sowohl kulturell als auch pädagogisch wie auch religiös und politisch eine einmalig kritische Darstellung einer gern als «heile Welt» verklärten Innerschweizer Kleinstadtkultur, analog etwa zu «Der sechste Tag» von Joseph Vital Kopp, jedoch mit Perspektiven über die Innerschweiz hinaus, bis nach Deutschland und Island. Mit «Frau Bartsch», der Titelfigur, wird auch ein Stück Frauenemanzipation geschildert zu einer Zeit, als dies eigentlich noch kein Thema war.

Dies ist aber nur ein Beispiel für die unerhört wertvolle, substanzielle Arbeit von Martin Wallimann, die er auch jeweils in Frankfurt an der Buch Messe, an der Buch Basel und an einer von ihm selbst in Luzern organisierten jeweiligen «Buch»-Ausstellung repräsentierte.

Der Horizont des gelernten Druckers, den eine nie erlahmende einmalige Neugier vorwärts trieb, auch ein Eros der Arbeit, war weit, und er gehörte nicht zum herkömmlichen Obwaldner oder Innerschweizer Teig. Mit «Cervelatprominenz» hatte er nichts gemeinsam. Wie für Paracelsus galt für ihn das Wort: «Die Kunst geht uns nicht nach, es muss ihr nachgegangen werden.»

Zu der in Sarnen in der Kollegikirche stattgefundenen Innerschweizer Kulturpreisverleihung 2009 hielt Redaktor Urs Bugmann eine exzellente Laudatio, von der Elemente jetzt möglicherweise in einen viel zu frühen Nachruf eingingen.

Ich habe selber nie etwas bei Martin Wallimann publiziert, möchte ihm aber auch im Namen von praktisch allen Innerschweizer Schriftstellerkolleginnen und -kollegen übers Grab hinaus ein erschüttertes Dankeschön zurufen.

Dass allerdings das Buch, die schöne Literatur, im Raum Innerschweiz derzeit trotz guter Produktionen, auch von Jungverlegern, in ernsthaften Gesprächen und Diskussionen um unsere Standortbestimmung eine nur geringe Rolle spielt, ist keineswegs ein Umstand, der geeignet wäre, unsere Diskussionskultur zu erhöhen.

Martin Wallimann, geboren 1958, verstorben am 6. Februar 2014, verlässt eine ihm innig zugetane Gattin und zwei erwachsene Söhne. Dass wir ihn wegen seiner raumausfüllenden, bäurisch wirkenden Gestalt, allerdings mit etwas melancholischen Augen, mit einer unverwüstlichen Saftwurzel verwechselt haben, erwies sich als ein Irrtum.

Er könnte auch denen fehlen, die ihn und sein Schaffen jetzt erst noch entdecken könnten. Er brachte es fertig, gerade durch Überwindung einer herkömmlichen Heimatkultur neue, in einem unkitschigen Sinn heimatliche Verwurzelung zu konstituieren, gemäss dem Hölderlin-Motto aus «Hyperion – Der Eremit in Griechenland»: «Nicht ausgeschlossen sein vom Grössten, dennoch gehalten werden im Kleinsten, das ist der Weg Gottes.»
© Pirmin Meier