Während der Arbeit an einem neuen Roman …



Meine Idee für diesen Text geht zurück auf einen Leserschock. Ich verwende für mein Staunen oder Erschrecken bewusst einen so starken Begriff. Mein lieber ISSV-Kollege Werner Fritschi hat sich vor mehreren Monaten in einem Zeitungsinterview „geoutet“, dass sein Roman-Projekt gescheitert sei. Fünf Jahre lang habe er daran gearbeitet. Hunderte von Seiten. Nach bald 2000 Tagen habe er sich eingestehen müssen, dass er seinem vorgenommenen Stoff in dieser Form nicht Meister würde. Dieses Eingestehen, die Ehrlichkeit haben mich eine Zeitlang gelähmt. Denn auch ich hatte mir vorgenommen, noch einmal eine grössere literarische Arbeit zu wagen. – Würde ich nach ein, zwei, nach fünf Jahren ein ähnlich trauriges Fazit ziehen müssen, wie mein älterer Schriftstellerkollege? Könnte mein kreatives Schaffen für mich trotzdem eine Bereicherung werden? Trotz eines allfälligen Scheiterns – von aussen gesehen. Eine sinnvoll verbrachte Lebenszeit?

Diese Fragen liessen mich nicht mehr in Ruhe. Ich begann an andere Künstlerinnen und Künstler zu denken, die ebenfalls ein grösseres Projekt in Angriff nehmen. Vielleicht könnte ich auch denen eine Stimme geben oder im besten Fall etwas darstellen, was auch sie betrifft. Von mir schreiben und Probleme formulieren, mit denen sie selbst kämpfen. Gleichzeitig kam mir etwas völlig Banales in den Sinn. Wie oft habe ich mich geärgert, wenn in Zeitungen von irgendeiner Rekordhuberei berichtet wurde. Jedoch nicht von jemandem, der bereits etwas Unglaubliches erreicht hatte, sondern von jemandem, der lediglich etwas Verrücktes plante. Von jemandem, der erst wollte. Würde ich in dieselbe Schublade gesteckt werden? Von einem, der einen Roman schreiben will?

Doku-Filme und Rekorde



Ich stellte folgende Überlegungen an: Die Entstehung eines Sachbuchs könnte man dokumentieren. Aber das Entstehen eines Romans? Kann man über etwas schreiben, was sich erst im Kopf allmählich entwickelt? Eines der ersten Gefühle, das sich bei mir einstellte: Ich komme mir vor wie ein Dokumentarfilmer, der jahrelang mit der Kamera Menschen oder Projekte verfolgt, ohne zu wissen, wie das Ende aussehen wird. Filmerinnen, die sich einem jungen Sportler an die Fersen heften, in der Hoffnung, dass er einmal Olympiasieger werden würde. Die unendlich lange Aufbauarbeit kann man nicht erst rückblickend dokumentieren. Wir alle wissen es: Von den zahlreichen Talentierten wird schliesslich nur einer gewinnen. Kilometerweise Filmmaterial wird unbrauchbar sein. Oder es sammelt sich eine unüberschaubare Masse von jemandem an, der das Ziel nicht erreichte, der einen Unfall oder andere, nicht voraussehbare Rückschläge erlitt. – Muss es einem nicht zwangsläufig so ergehen, wenn man über einen Roman schreibt, der erst im Entstehen begriffen ist?

Mein damaliger Verlag



Ab wann ist ein Autor oder eine Autorin überzeugt, dass er oder sie es zustande bringt, ein Romanprojekt zu Ende zu komponieren? Und wenn es zu einem Abschluss kommt: was geschieht dann mit diesem Roman? Wer wird ihn verlegen? In welches Verlagsprogramm wird er passen? Wird es Jahre dauern, bis die Pipeline frei ist? – Mein damaliger Verlag, Benziger, der die ersten drei Romane von mir verlegte, verhielt sich mir gegenüber immer korrekt. Aber später kam er wirtschaftlich arg ins Schlingern – vermutlich nicht (nur) wegen mir – und gab nach einem Finanzskandal das weit herum anerkannte belletristische Programm auf. Eine Zeitlang erschien bei Benziger noch religiöse Literatur, die sich anscheinend gut verkaufte. Einer der bekanntesten Autoren: Hans Küng. Trotzdem, das renommierte und einst grösste Verlagshaus der Schweiz mit eigener Druckerei – und somit meine verlegerische Heimat – ist von der Bildfläche verschwunden. Auch Verlage haben es schwer, nicht nur Autoren. Wo würde ich also wieder neu beginnen?

Mein persönlicher (Wieder-)Einstieg stand unter einem glücklichen Stern. Das Kultusministerium des Bundeslandes Rheinland-Pfalz hat mich als Schweizer (oder trotz Schweizer Pass?) für zwei Monate in ein Künstlerhaus eingeladen und gewährte mir grösste Freiheiten. Diese geschenkte Zeit wollte ich nützen. Ich begann sofort zu notieren, zu planen und zu entwerfen. Bald kristallisierte sich heraus, dass ich nicht mit einem dramatischen Text und mit Gedichten, sondern mit einer längeren Prosaarbeit beginnen wollte. Die Wochen verflogen und ich stellte mir die bange Frage: Wie wird es mit meiner Arbeit zu Hause in der gewohnten Umgebung weitergehen? Werde ich die gleiche Disziplin aufbringen und hauptsächlich auf den Roman konzentriert bleiben?

Masochismus und Fragen, die verunsichern



In den ersten Wochen stellte ich etwas Ungewöhnliches fest: ich wurde hellhörig auf alle Arten von Urteilen, die mit künstlerischen Werken zu tun hatten. Mich dünkte auf einmal, die Zeitungen bemühten sich mehr als vorher um Darbietungen von Künstlern, um Inszenierungen und Literatur. Überraschend viele Menschen um mich herum kannten Neuerscheinungen oder die jüngsten Filme von berühmten Regisseuren. Sie hatten Besprechungen über sie gelesen, und oft gingen sie gnadenlos mit ihnen um. „Schon wieder ein überflüssiges Buch! Ein harmloser Film. Das neue Buch von soundso ist nicht schlecht, aber lesen muss man es nicht unbedingt. Es gibt leider viel zu viele gute Bücher. Und da ist eben das Bessere des Guten feind.“ Ich brachte meine fixe Idee, die ich eigentlich als Witz verstehen wollte, nicht mehr los: Scheinbar gibt es mehr Leute, die selber schreiben, als solche, die lesen. Es wird mir beinahe übel, wenn ich daran denke, wie viele erst noch von den Medien übergangen oder lieblos abgefertigt werden. Nicht nur lokale, sondern auch international bekannte Autorinnen und Autoren, die zerrissen werden. – Worauf lasse ich mich also ein? Bin ich letztlich ein Masochist oder dermassen blind, dass ich für mich nur ein gutes Ende vorstellen kann?

Verweigerung oder Humorvolles



Als deprimierend empfindet ein Autor oder eine Autorin auch die stillschweigende oder offenkundige Verweigerung von vielen Mitmenschen. „Nein, so etwas kann und will ich nicht lesen! Das hängt mir schon zum Hals heraus. Ich kann es sowieso nicht ändern.“ Das überrascht und betrübt mich gleichzeitig. Aber ich bringe auch grosses Verständnis dafür auf. Anscheinend geistern so und so viele Themen herum, worüber manche Leserinnen und Leser nichts mehr lesen wollen. Eben: „Es hängt mir zum Hals heraus!“ Die weltweiten (und auch schweizerischen!) politischen Ungeheuerlichkeiten. Die täglichen Lügen, die Schändung von Kindern und Wehrlosen, die Verfolgten, die Kriegsgräuel und Vergewaltigungen. „Nein, das muss ich mir nicht mehr antun! Liebesromane: das wär‘s! Schöne, spannende Geschichten. Humorvolles.“

Wenn man sich ausgerechnet während der Arbeit an einem längeren Prosatext mit solchen Fragen, Feststellungen und Vorurteilen konfrontiert sieht, dann kann man nur noch gegen eine Depression ankämpfen. Trotz meines Verständnisses wird mir nämlich eines bewusst: Dahinter steckt die Einstellung, dass man eigentlich aus der Geschichte nichts lernen will. Dem Schreibenden bleibt nichts anderes übrig als sich unbeirrt zu zeigen, an die eigene Qualität zu glauben und weiterhin zu träumen, dass er seinen happigen Stoff in einen Liebesroman verpacken und das Schwere mit Leichtigkeit versehen könnte. Zu hoffen, dass er das Aussichtslose und Bedrückende mit viel Humor und Ironie erträglich machen könnte. Aber keiner kann aus seiner Haut schlüpfen.

Von Viren, die ablenken



Im Verlaufe des Schreibens nisten sich weitere Verunsicherungen ein. Ein Autor/ eine Autorin beginnt, an Leserinnen und Leser zu denken. Auch ich. Obwohl ich dieses Killerkriterium kenne, gelingt es nicht, es mir ganz vom Leibe zu halten.

Es existiert noch ein zweites, ein verwandtes Virus. Auch dieses kenne ich. Jeden Kontakt mit ihm sollte ein Romanschreiber vermeiden. Die Prophylaxe würde nur gelingen, wenn man sich konsequent an den Grundsatz hält: „Du sollst einfach frisch von der Leber weg schreiben. Dich einzig mit dem beschäftigen, was dich im Innern bewegt und bedrängt. Und nicht an einen Verlag denken!“ Diese zwei Viren, das Schielen nach einem Verlag und nach Leserinnen und Lesern, können den Schreibprozess terrorisieren. Wenn Zweifel aufkommen, wenn das Schreiben stockt, dann finden diese Viren leichteren Zugang und versuchen, den Stoff und die Form zu beeinflussen.

Und gleichwohl: Irgendeinmal muss ich an einen Abschluss denken, an einen Adressaten. Müsste ich eventuell meine Arbeit doch einem Verlag ankündigen? Diese wollen ja auch planen und nicht kurzfristig Programme zusammenstellen. Unglaubliche Zahlen stehen im Raum. Jeder Mensch, der mit Verlagen zu tun hat, weiss, dass insgesamt Tausende von Manuskripten auf Lektoratstischen landen. Wer würde die alle lesen, begutachten und im besten Falle publizieren? (Also stimmt meine Befürchtung doch: Es gibt mehr Leute, die selber schreiben, als solche, die lesen.) An dieser Stelle sehe ich andere Kunstschaffende vor meinem geistigen Auge. Werden diese nicht ebenfalls verführt, während der schöpferischen Arbeit an Aufführungen zu denken? An ein mögliches Publikum? An Musikformationen und Theater? An Galerien und öffentlich rechtliche Anstalten?

Selbstsichere Dichter



Gerade dann, wenn mich solche Überlegungen quälen, lese ich von einem „Dichter“, der einen runden Geburtstag feiert. Dem Zeitungsinterview entnehme ich, dass er nicht recherchieren und seine Stoffe erarbeiten muss. Sie fallen ihm zu. Von seinen Themen sagt er wörtlich: „Sie wollen aus mir heraus, ich kann mich ihrer nicht erwehren.“ Chapeau! Muss ich da noch anfügen, dass ich einen so glücklichen Künstler beneide?

Eines der leichtesten und zugleich schwierigsten Probleme ist das Lesen von Literatur. Ich meine natürlich die Zeit, während der man selber „Literatur produzieren“ möchte. Was das betrifft, habe ich im Kollegenkreis die unterschiedlichsten Ansichten gehört. Es gibt Autorinnen, die so viel wie möglich aufzunehmen und zu lesen versuchen, bevor sie selbst mit einem grösseren Werk beginnen. Nachher ertragen sie keinen fremden Stil mehr. Sie lassen sich von nichts mehr ablenken, auch kaum mehr von kulturellen Anlässen. Andere Autoren lechzen während der Schaffenszeit nach anspruchsvoller Ablenkung. Sie müssen sich geradezu in der Welt der Literatur aufhalten. Vielleicht in anderen Gattungen, in der Poesie oder Dramatik, statt in der Prosa. Für mich selbst habe ich bisher, was das Lesen betrifft, kein Rezept gefunden. Grundsätzlich spüre ich nur, dass ich während des Schreibens in literarischen Welten drinbleiben muss.

Abschottung und Disziplin



Ein anderes Thema sind Briefe oder journalistische Arbeiten, die während eines längeren Schreibprozesses auf einen zukommen. Damit meine ich Kolumnen, Kommentare zu speziellen Themen oder Vorkommnissen. Meistens fallen sie mir nicht leichter als das Gestalten eines umfangreichen Textes. Hingegen geht das, was täglich in der Schweiz und weltweit geschieht, nicht spurlos an mir vorbei. Als ich seinerzeit an einem Theaterstück über den „Puurechrieg“ schrieb, fand das aktuelle Weltgeschehen kaum Niederschlag im Drama. Nun hat sich die Situation verändert, mein Roman spielt in der Gegenwart. Zudem finde ich es beim Schreiben bedrohlich, wie schnell die Zeit verfliegt. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich relativ langsam schreibe. Kaum entdecke ich in meinen Entwürfen eine Anspielung auf G.W. Busch oder auf Berlusconi, sind die beiden (endlich!) aus dem Amt gedrängt. Kaum regt sich mein „Held“ über einen Bundesrat auf, ist er schon abgewählt. Und wenn sich der Protagonist wegen eines schizophrenen Diktators entrüstet, ist dieser bereits hingerichtet. Insofern werden mir beim Schreiben an einem zeitgenössischen Thema mehr „Knüppel“ zwischen die Beine geworfen als bei einem historischen Stoff. Und zudem bin ich, was mir schwerfällt zuzugeben, leicht verführbar. Es gelingt mir meistens nicht, die Medien zu ignorieren.

Das Schreiben über das Schreiben lenkt ebenfalls ab. Einige mir nahestehende Leute haben nachgefragt: „Woran schreibst du eigentlich?“ – Ab wann verrate ich meinen Freunden etwas von meinem Projekt? Ich spüre es: Ihnen gegenüber später einmal ein allfälliges Scheitern einzugestehen, wäre nicht so schlimm wie in der breiten Öffentlichkeit. Aber wann kommt der richtige Zeitpunkt?

Eine private Lektorin



Wenn ich Nahestehenden etwas von meinen Romanplänen anvertraue, frage ich mich: Ist es überhaupt möglich, konkret von einer Geschichte zu erzählen, vom Inhalt? Vertraue ich nicht – wie andere ebenfalls – auf den Lehrsatz, dass sich Form und Inhalt ergänzen? Machen nicht beide zusammen als ein Guss erst das Ganze aus? Und dann die entscheidende Frage: Wann gebe ich etwas Schriftliches aus den Händen? Ab wann beziehe ich „meine erste Lektorin“ mit ein? Ich befinde mich in der vorteilhaften Situation, dass ich eine „gspürige“, aber auch harte „Lektorin“ im eigenen Haus habe. Und erst noch eine, die nicht von Berufes wegen diese Arbeit auf sich nimmt, sondern als kritische Durchschnittsleserin: meine Frau. Bei Kurzgeschichten oder andern überschaubaren Texten geht das problemlos. Wenn meine „Hauslektorin“ findet, dass eine Miniatur misslungen sei, dann schmerzt das. Aber es handelt sich lediglich um das Resultat von ein paar Stunden oder einer fast schlaflosen Nacht. Wie kommen wir hingegen mit einem Roman zurecht? Müsste ich „meiner ersten Lektorin“ gegenüber die weitere Handlung skizzieren? Motive und Metaphern erwähnen? Den „raffinierten“ Aufbau? Zum Voraus dasjenige zusammenfassen, von dem ich meine, ich könne es nur in einem Roman ausdrücken? Und mich bereits auf die Länge des Ganzen festlegen: 200, 300 oder gar 400 Seiten? (Zur Beruhigung flüstere ich mir ein: schon bedeutende Schriftsteller haben beabsichtigt, eine Novelle zu schreiben, und es wurde ein mehrhundert seitiger Roman. Und bei einigen blieb es nach Hunderten von Seiten bei einem Fragment.)

Ich kann nur festhalten: Mein Romanprojekt hat unser Privatleben nicht einfacher gemacht. Meine eigene Ungeduld, die unendlichen Fragen und die Herausforderungen des schlichten Alltags. Warum begnüge ich mich folglich nicht – was den Umfang betrifft – mit gelegentlichen kürzeren Geschichten oder Gedichten? Warum muss es ausgerechnet ein Roman sein?

Exhibitionismus



Weil meine Frau mit ihrer Arbeit hauptsächlich unsern Lebensunterhalt generiert, versuche ich (nebenbei oder als Hauptbeschäftigung?) einen Grossteil des Haushaltes zu erledigen: Einkaufen, Kochen, Gärtnern, Putzen. Ich habe mich deshalb gefragt, warum ich mich quantitativ nicht mit gelegentlich kürzeren Geschichten oder Gedichten begnüge? Warum lade ich mir ausgerechnet ein Romanprojekt auf? – Meine schriftstellerische „Karriere“ habe ich in den 70er Jahren mit einem Hörspiel („D Abtriibig“) und mit einem Theaterstück über den schweizerischen Bauernkrieg begonnen. (Nicht mit einbezogen die vorher gefüllten Schubladen!) Die Frage drängt sich auf: Warum nicht dort, beim Bewährten anknüpfen und ein Theaterstück wagen? Landauf, landab suchen alle ambitionierten Theatergruppen neue Stücke, aktuelle Themen oder Bearbeitungen. Warum nicht mit demjenigen anfangen, was am ehesten gesucht wird? Angebot und Nachfrage? „Auf deinen Roman wartet niemand.“ Etwas Ähnliches hat eine liebe ISSV-Kollegin kürzlich an einem Treffen gemeint, als sie mich ernsthaft fragte: „Willst du dir das wirklich nochmals antun?“

Zweifellos ein wunder Punkt. Will ich mir das antun? Lockt die Versuchung, an die Öffentlichkeit zu treten, so stark? Möchte ich (unbewusst?) dem berühmten Exhibitionismus frönen? Ich kann mir keine Autorin und keinen Autor vorstellen, der oder die einzig und allein für sich, für das stille Kämmerlein schreibt. Nur die Autisten, die völlig Introvertierten können das eventuell. Und natürlich die zahlreichen Menschen, die sich eine Steigerung der Lebensqualität versprechen, wenn sie schriftlich ihre eigenen Probleme verarbeiten. Menschen, die Reiseberichte, eine Biographie oder eine Familiengeschichte zusammenstellen. Sicher gibt es unter diesen auch einige, die mit einer Veröffentlichung liebäugeln, die auf ihre Entdeckung hoffen. Befinden sich unter ihnen auch Dichter und Künstler?

Hobby-Künstler?



Wer masst sich an zu entscheiden, wer zu den Schriftstellern zählt? Zu den Künstlern? Und wer versteht sich eher als Hobby-Schreiber? Eine Abgrenzung in der Grauzone der schöpferisch Tätigen bringt nur Schwierigkeiten. Wer mutet sich zu, Menschen einzuteilen, die Malkurse besucht haben und möglicherweise über grosse Talente verfügen? Könnte ein Schreibseminar festlegen, wer von den Teilnehmenden künftig zu den Autoren gehört? Seppi Gnos, der begnadete Musiker und langjährige Sarner Musikschulleiter, hat an der letzten Ob- und Nidwaldner Kunstausstellung (NOW) deutliche und für einige provokative Sätze gesorgt. Sinngemäss zusammengefasst: Unendlich viele sehr gute Musiker üben stunden- und tagelang und vermögen sich trotzdem richtig einzuschätzen. Sie sind keine Philharmoniker, keine Berufsmusiker. – Wenn ich nun diese Meinung auf die Schreibenden anwende, so mag das arrogant tönen. Aber sie trifft trotzdem den Kern. Es braucht ein deutliches Bekenntnis zur Kunst, zum Kampf um Form und Inhalt. Eine künstlerische Vision ist einem Schriftsteller unabdingbar.

Grosser oder kleiner Verlag



Zum Schluss meines öffentlichen Nachdenkens über „Die Entstehung eines Romans“ muss ich feststellen, dass vieles offen bleibt. Offen bleiben muss. Noch eine entscheidende Frage: Reizt es einen Autor nicht, sein Manuskript an einen grossen Verlag zu senden? An Diogenes? Oder erträumt er sogar die Eroberung des ganzen deutschsprachigen Marktes, indem er sich an Suhrkamp wendet, an Fischer, Rowohlt, Hanser? – Wie viele haben es schon vergeblich bei namhaften Verlagen versucht? Selbst die erfolgreichste Schriftstellerin der Welt, die Erfinderin des Harry Potter, Joanne K. Rowling, musste anfänglich mehrere Absagen verdauen. – Alle träumen von grösseren Erfolgen, auch ich. Bringt der sprichwörtliche Spatz in der Hand mehr als die Taube auf dem Dach?

Ein Verleger in der Region



Wir Schreibenden in der Innerschweiz dürfen uns glücklich schätzen, dass noch da und dort ein Verleger die risikoreiche Knochenarbeit des Publizierens auf sich nimmt. Der Eine oder die Andere sogar mit viel Herzblut. Autorinnen und Autoren in kleinen Verlagen hoffen also zweifach, nicht nur auf den persönlichen Erfolg, sondern auch auf das Wohlergehen der kleinen Verleger. Denn gerade für diese – im Speziellen diejenigen mit Herzblut – wäre es umso wichtiger und schöner, wenn eine Publikation auch materiell ein Erfolg würde. Und zu einem Erfolg trägt nicht selten ein aufwändiges, oft auch nervenaufreibendes Lektorat bei, und natürlich – nach dem Erscheinen – die kritische Beurteilung und die wohlwollende Mund-zu-Ohr-Propaganda vieler lesender Mitmenschen. Danach sehnen sich alle Schreibenden.

Dominik Brun

Archivierte Kommentare

Fritz P. Schaller 11.10.2012 17:01
Zu deinem Thema, Dominik, fand ich jüngst in der SonntagsZeitung ein Gespräch mit Salman Rushdie, dessen Autobiografie «Joseph und Anton» soeben herausgekommen ist. Daraus dieses Zitat:

«Es gab so viele Jahre, in denen ich meine Geschichte nicht erzählen konnte. Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht.»

Es hat in der Tat etwas Verzweifelndes, wenn einer so jahrelang vergeblich um die gute Erzählung ringt und dann noch vergeblich jemanden sucht, der ihm hilft, Zuhörer zu finden, zum Beispiel einen Verlag. Wer die Schallmauer nicht durchbrechen kann, existiert nicht, da steckt etwas Wahres darin.

Ich trage den schönen Beatle-Song in meinen Ohren: «Is there anybody known ...» Gibt es da jemand in der Gegend, der meine Geschichte hören mag? Und auch das Lied von Reinhard Mey klingt bei mir immer mit: «Ich wollte wie Orpheus singen, dem es einst gelang, Felsen selbst zum Schweigen zu bringen durch seinen Gesang. Wilde Tiere scharten sich friedlich um in her, wenn er über die Saiten strich, schwieg der Wind und das Meer. (...)»

Am Ende ergibt sich der Sänger selbstironisch bescheiden:
«Kein Fels ist zu mir gekommen, mich zu hören kein Meer. Aber ich habe dich gewonnen, und was will ich noch mehr?»

Ist irgendwie tröstlich, oder?
Dominik Brun 20.10.2012 08:27
Es haben relativ viele KollegINNen auf meine schriftlichen Gedanken reagiert (herzlichen Dank!), aber eigenartigerweise "nur" übers mail oder mündlich. Obwohl wir Schreibende sind, scheuen wir uns anscheinend vor dem schriftlichen Wort (es hat wohl viel mehr Definitives als das Mündliche, und zudem bekommt es in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Gewicht).

Insofern ein Dankeschön an Fritz P. Schaller, dass er den Bann gebrochen hat. Und erst noch tröstlich!
Hildegard Kühnis 27.10.2012 16:41
Hoi Dominik
An der Buchmesse in Frankfurt konnte ich schon in deinem Roman schmöckern! Ich bin gespannt und freue mich darauf. Liebe Grüsse!

Dominik Brun 09.01.2013 15:46
Am «Literarischen Silvester» im Stanser Chäslager wurde dieses/unser Thema auch diskutiert. (Anscheinend im Netz gelesen!) Umso erfreulicher, wenn heutige Zeitungen meinen, sich keinen Platz mehr leistien zu können für Gedichte, Essays, Kolumnen, Glossen usw.