Der neue zeitkritische Roman von Aldo Solid Betschart
Über ein Herrschaftssystem, das Emanzipationsprozesse unterdrückt und über Selbstermächtigung in hoffnungslos erscheinenden Situationen.
Von Bruno Steiner und Aldo Solid Betschart
Der in Schwyz aufgewachsene und in Basel-Stadt lebende Bruno Steiner – Maler, bildender Künstler und Kulturakteur – hat das neueste Buch von Aldo Solid Betschart mit Interesse gelesen. Sein Fazit: »In der Nacht auf morgen« ist aufwühlende Literatur, die auf mehreren Ebenen wichtigste Fragen unserer Zeit aufwirft! Das nachfolgende Gespräch ist im direkten Austausch zwischen Bruno Steiner und dem in Muotathal aufgewachsenen und in Zürich beheimateten Schriftsteller Aldo Solid Betschart entstanden. Die beiden seit vielen Jahren miteinander befreundeten Kulturschaffenden haben sich in Zürich getroffen.
Bruno Steiner: Lieber Solid, Danke für deine Bereitschaft, dich mit mir über deinen neuen Roman »In der Nacht auf morgen« auszutauschen. Dieser im September 2024 erschienene zeitkritische Gesellschaftsroman bildet mit zwei verschiedenen Erzählsträngen ein spannungsgeladenes Geflecht. Es ist daher gut möglich, dass wir in diesem Gespräch hin und wieder die Orientierung verlieren und uns in unbekannte Richtungen bewegen – oder gar in eine 4000 Jahre alte ägyptische Grabkammer hineinfallen.
A. Solid Betschart: In eine solche Grabkammer würde ich mich mit dem größten Vergnügen hineinfallen lassen. Auch würde es mich freuen, im Gespräch mit dir noch einmal über die Cheops-Pyramide zu stolpern. Wir werden sehen …

Bruno Steiner: Beginnen wir mit einer Rückblende. Dein neuer Roman spielt in den Jahren 2019 und 2020. Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie liegt nun fünf Jahre zurück, doch beim Lesen deines Romans wurde bei mir die Erinnerung an jene Zeit sofort wieder wach – geprägt von der nervösen Anspannung im Ausnahmezustand. Damals wurde die Routine des Alltags abrupt unterbrochen, und alle Bürgerinnen und Bürger im jeweiligen Nationalstaat wurden sozusagen »gleichgestellt«. Verordneter Konsumverzicht und das Wegfallen gewohnter Freizeitaktivitäten stellten, nebst den Schutzmaßnahmen vor der heimtückischen Krankheit, große Herausforderungen dar.
Solid, hier meine ersten beiden Fragen in dem Zusammenhang: Wie hast du damals die Pandemie als Privatperson erlebt, und was hat dich schließlich dazu motiviert, diese Zeit des allgemeinen Ausnahmezustands in deinem neuen Buch zu verarbeiten?
A. Solid Betschart: In meinem persönlichen Fall sind die Jahre der Pandemie von absoluten Gegensätzen geprägt gewesen. In der Anfangsphase, zwischen März 2020 und April 2021, habe ich die bisher problematischste Zeit meines Lebens durchgemacht. Wegen des Lockdowns sind damals praktisch alle meine Einkommensquellen, es sind deren 3 gewesen, über Nacht versiegt. Bei der städtischen Arbeitslosenversicherung RAV hat man es vorgezogen, einen »Freischaffenden« wie mich mit endlosen bürokratischen Vorschriften zu schikanieren, statt effektiv zu helfen. Nach einem Jahr des Herumrennens und Geld-zusammenkratzens habe ich dann endlich, dank meiner vieljährigen künstlerischen Tätigkeit, durch die Institution Suisseculture Sociale finanzielle Unterstützung erfahren, sodass ich ab April 2021 langsam wieder zur Besinnung gekommen bin. Von da an habe ich die vom Bund verhängte allgemeine Isolations-Strategie nicht länger als quälend empfunden. Dass meine beiden schulpflichtigen Kinder über einen längeren Zeitraum einer ständigen Angstmacherei und einer Vielzahl von Coronatests ausgesetzt gewesen sind, hat mir im Verlauf der Pandemie wesentlich mehr zu denken gegeben, als nicht nach Wunsch in die Kneipe oder an Konzerte gehen zu können. Mit der Unterstützung durch Suisseculture habe ich die Zeit des allgemeinen Verzichts dann auch so intensiv wie möglich für die Realisation meines neuen Buches genutzt.
Bruno Steiner: Also darf man annehmen, dass diese sehr problematische Zeit, bis hin zum positiven Unterstützungsentscheid, dich maßgeblich zum Schreiben deines zeitkritischen Romans inspiriert oder veranlasst hat?
A. Solid Betschart: Den Gedanken, mit einer literarischen Erzählung meine eigene Sicht darüber darzustellen, wie schlecht sich Begriffe wie Gleichheit und Gerechtigkeit mit einer von A bis Z vom Großkapital beeinflussten Demokratie vereinbaren lassen, habe ich zwar schon seit Jahren gehabt, aber erst nach den erniedrigenden persönlichen Erlebnissen durch den Covid-Lockdown ist mir klar geworden, dass es an der Zeit ist, mich an ein solches Buch heranzuwagen. Hinzu kommt, dass damals die weltweiten Geschehnisse rund um Covid-19 bestens zu meinen schriftstellerischen Absichten gepasst haben. Die globale Verunsicherung während dieses unschönen Jahrhundert-Ereignisses – und das ist die Pandemie leider gewesen – hat der Grundaussage meines Buches eine vertiefte Bedeutung gegeben. Im Verlauf des Schreibprozesses habe ich es mir dann auch verschiedentlich gefallen lassen, dass die neuesten Meldungen, das Virus betreffend, das Verhalten meiner Romanfiguren entsprechend beeinflusst haben.
Bruno Steiner: Du hast gerade von »erniedrigenden persönlichen Erlebnissen« gesprochen. Das klingt fast ein bisschen so, als hätte sich damals ein zorniger Schriftsteller ans Werk gemacht. Warst du zornig?
A. Solid Betschart: Ich bin zornig gewesen, bevor ich die Arbeit am Roman aufgenommen habe. Um aber objektiv über ein komplexes Gesellschaftsmodell wie unser kapitalistisches Herrschaftssystem schreiben zu können, braucht es eine besonnene, analytische Herangehensweise. Mein Roman ist nicht zuletzt das Resultat intensiver Recherchen, bei denen ich bewusst das große Ganze berücksichtigt habe, statt mich allein von meinen persönlichen Erfahrungen leiten zu lassen. Dem entsprechend ist mein Buch kein zorniges, auf Abrechnung abzielendes Stück Literatur geworden, sondern im Gegenteil etwas, das mit den besten Absichten an die Menschen unserer sogenannten Wohlstandsgesellschaft gerichtet und als friedliche Aufforderung zu verstehen ist, einmal hinter die Fassade jenes Staatsgebildes zu schauen, das von den dazugehörigen Regierungen andauernd als absolut freiheitlich und von Grund auf demokratisch dargestellt wird.
Bruno Steiner: Nehmen wir den Begriff Demokratie als Stichwort! Bevor wir genauer auf die Romanerzählung eingehen werden, müssen hier noch andere dem Buch zugrunde liegende Begriffe wie Kapitalismus, Konsum- und Leistungsgesellschaft, neoliberale Globalisierung, Imperialismus, Lohnsklaverei, die gefährliche Abhängigkeit vom internationalen Finanzsektor oder auch Datenherrschaft erwähnt sein. Eine mit diesen Begriffen besonders eng verbundene Aussage im Roman lautet, dass unsere der Tyrannei des Großkapitals unterworfene Welt sich »auf Kollisionskurs« befindet. Auf dem Buchumschlag wird das durch das fliegende Containerschiff, das unheilverkündend auf den Zürcher Prime Tower zusteuert, ganz unmissverständlich veranschaulicht. Trotz des auf manchen Buchseiten aufblitzenden Optimismus deiner Romanfiguren zeichnest du insgesamt ein düsteres Bild, wohlgemerkt eines, welches der Realität von 2025 nur allzu sehr ähnelt.
Meine Frage hierzu lautet: Was wolltest du mit dem Roman »In der Nacht auf morgen« in erster Linie aussagen – lässt sich das trotz der Vielschichtigkeit deines Buches auf einen einfachen Nenner bringen?

A. Solid Betschart: Im Prinzip habe ich das bereits mit den drei Zitaten getan, die im Buch der Romanerzählung vorausgehen. Nehmen wir das erste Zitat von Alan Turing: »Satte Sklaven sind die eifrigsten Verteidiger ihrer Unfreiheit.« Für diesen Satz habe ich mich entschieden, weil er auf die heutige, vom Großkapital abhängige Konsumgesellschaft genauso angewendet werden kann wie auf die gut verpflegten Sklaven, die vor Tausenden Jahren unter den Pharaonen geschuftet haben. Auf die grundsätzliche Botschaft meines Romans bezogen sind Turings Worte genauso vielsagend wie die anderen beiden Zitate von Fidel Castro und Fork Burke.
Bruno Steiner: Gehen wir doch kurz auf diese anderen beiden Zitate ein. Nebst Turings Worten verwendest du eine deutliche Aussage des inzwischen verstorbenen kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro, der ein Erzfeind der USA gewesen ist. Als charismatische Galionsfigur sozialistischer Ideen hat Castro den Kapitalismus verachtet und ihn als Revolutionär gemeinsam mit Gleichgesinnten – denken wir an Ernesto »Che« Guevara – mit der Waffe in der Hand erfolgreich im eigenen Land bekämpft. In dem von dir benutzten Zitat kommt Castros Sichtweise unserer verschwenderischen und auf maximaler Ausbeutung basierenden Lebensweise dementsprechend klar zum Ausdruck. Ich zitiere: »Diese von den westlichen Siegermächten etablierte Gesellschaft ist Ausdruck einer völlig irrationalen Lebens- und Konsumform, die für die zehn Milliarden Menschen, die nach dem fatalen Ende der Erdölvorräte auf diesem Planeten leben werden, kein Modell sein kann.«
A. Solid Betschart: Den von Fidel Castro gesprochenen Satz habe ich seinen offiziellen Memoiren entnommen, einem vielsagenden Buch, das von Ignacio Ramonet publiziert worden ist. Ramonet selbst ist unter anderem Direktor einer politischen Zeitung in Paris gewesen; dank seinem journalistischen Weitblick kann man beim Lesen seiner Texte viel über Themen wie die neoliberale Globalisierung und die daraus sich ergebenden Konflikte auf der Welt lernen. Seine hervorragend recherchierte Pressearbeit hat seinerzeit auch Fidel Castro beeindruckt, sodass Castro schließlich dazu bereit gewesen ist, sich zwischen 2003 und 2005 intensiv von Ramonet befragen zu lassen. Es lohnt sich alleine schon, nachzulesen, mit was für menschenverachtenden Mitteln die jeweilige US-Regierung – besonders seit dem Sieg von Castros Revolution im Januar 1959 – immer wieder versucht hat, in Kuba eine auf sozialer Gleichheit beruhende Gesellschaft zu verhindern. Man denke nur an die völlig ungerechtfertigten Wirtschafts-Embargos, mit welchen man gerade jetzt, unter dem offen rechtsextrem und autoritär auftretenden »Trumpismus«, wieder vermehrt darum bemüht ist, Kuba systematisch vom Welthandel zu isolieren – und das einzig allein deshalb, weil Kubas sozialistische Regierung sich weigert, sein Volk an das global agierende, verheerende Großkapital zu verkaufen.
Bruno Steiner: Ja, nach vielen Jahrzehnten der dokumentierten Zerstörung unserer Lebensgrundlage durch das Großkapital, frage ich mich oft, weshalb nicht endlich alle Menschen gemeinsam eine Lösung finden, dank der das Leid der Menschheit endet. Dabei gibt es auf allen Erdteilen so viele optimistisch stimmende Initiativen, die allen Kreaturen auf dieser Welt ein gelingendes Leben ermöglichen würden. Warum ist es trotz dem besseren Wissen immer noch oder immer wieder möglich, dass ausgerechnet politische Akteure an die Macht kommen, die Egoismus, Unersättlichkeit und Ausbeutung nicht nur dulden, sondern als Maxime vorleben?
A. Solid Betschart: Ich glaube, eine Antwort darauf könnte lauten: Weil im gegenwärtigen Entwicklungsprozess westlich orientierter Gesellschaften die Menschen immer noch voll und ganz auf wirtschaftliches Wachstum und Lohnarbeit programmiert sind. Also bleibt an der Macht, wer von drohenden Krisen redet, den Konsum predigt und Arbeitsplätze verspricht. In so einem Umfeld des Lobbyismus und der Korruption haben sozialistische, visionäre Köpfe – wie Fidel Castro einer war – so gut wie keine Chance, sich auf politischer Ebene zu entfalten.
Bruno Steiner: Das macht es umso schwieriger, die aufkommenden Ohnmachtsgefühle niederzuringen, die mich regelmäßig ergreifen, wenn ich an all die Täuschungsmanöver der politischen Hauptakteure denke, die vordergründig den Menschen Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlfahrt versprechen, im Endeffekt jedoch nur an das eigene Portemonnaie denken.
A. Solid Betschart: Leider sind die meisten aller politischen Akteure, die grundsätzlich die Rechte und Interessen des Volkes im Sinn haben, die meiste Zeit damit beschäftigt, die vielfältigen negativen Folgen abzufedern, die erst durch die neoliberale Globalisierung entstanden sind. Das trifft ja insbesondere auch auf die Politik in unserer reichen Schweiz zu, wo Bundesrätin Keller-Sutter sich momentan genötigt sieht, dem kriminellen Superkapitalisten Donald Trump als Antwort auf seine Strafzölle wirtschaftlich lukrative Angebote zu unterbreiten. Diese Erpressbarkeit ist das beste Beispiel, um aufzuzeigen, in was für eine bedenkliche, brandgefährliche Lage uns das Großkapital hineinmanövriert hat. Eben darum wird ja jetzt auch, »um den Frieden zu garantieren!«, überall massiv aufgerüstet …
Bruno Steiner: »Biege die Welt zurecht, wie deine Bedürfnisse es erfordern.« So lautet das dritte aussagekräftige Zitat, welches deinem Roman vorausgeht. Es stammt von der US-amerikanischen und heute in der Schweiz lebenden Poetin und Aktivistin Fork Burke, mit der du wohlgemerkt seit Jahren zusammen bist. Ihr Zitat ist vielleicht das Wichtigste, weil es meine individuelle Handlungsfähigkeit und meinen unbedingten Gestaltungswillen anspricht. Die eigenen Bedürfnisse zu kennen und ernst zu nehmen, ist dabei zentral! Ich übe jeden Tag die Emanzipation von vermeintlichen Erwartungshaltungen meines Umfelds, das Mich-Werden, und fürsorglich mit meinen Ressourcen umzugehen. Ich liebe die Überraschungen des Lebens und die von Freiheit, Unabhängigkeit und Lebenslust getragenen Begegnungen und Momente. Ich weiß aber wirklich nicht, ob ich mir nur einrede, frei zu sein in allen Emotionen und Bedürfnissen. Auf jeden Fall spricht mich dieses Zitat zutiefst an!
A. Solid Betschart: Das freut mich, Bruno. Ich habe auf Anhieb genauso gefühlt, nachdem Fork mir die Worte seinerzeit zugeschickt hat. »Bend the world in support of your needs!« hat sie damals – zur Zeit des Covid-Lockdowns – wörtlich geschrieben, um mir Mut zu machen. Überhaupt sollte ich erwähnen, dass Fork Burke eine sehr unabhängig denkende Frau ist. Zum Beispiel hat sie mich gelehrt, mir selbst ein Bild von der Weltgeschichte zu machen, statt den üblichen Standardwerken Glauben zu schenken. Als afro-amerikanische Universitätsabsolventin, die früh im Leben ihren eigenen Weg gegangen ist, hat sie sich ein überaus breites, fundiertes Wissen über alle möglichen menschlichen Kulturen angeeignet, nicht zuletzt auch über die systematische Unterdrückung und Versklavung der Völker. Ihre mutmachenden Worte, die ich später in meinem Buch zum dritten Zitat gemacht habe, fordern denn auch auf, das auf Lohnarbeit programmierte Denkschema unserer Gesellschaft zu sprengen. In meinem Roman wird diese Art des eigenen Denkens und Handelns durch die Geschichte meiner Romanfiguren Ritz und Roli 1:1 ausgedrückt.
Bruno Steiner: In der Tat, auf deine Romanfiguren Ritz und Roli, und wie die beiden sich aus ihrer misslichen Lage hinausmanövrieren wollen, werden wir gleich zu sprechen kommen. In Bezug auf die im Buch so wichtigen Begriffe der persönlichen Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit, möchte ich zuvor aber noch von dir erfahren, wie jener auf der Buchrückseite geschriebene Satz genau gemeint ist, wo es heißt – ich zitiere: »… dass der Glaube einer umfassenden individuellen Entscheidungsfreiheit nichts anderes ist als die größte Selbstlüge der Gegenwart.« Wie würdest du diesen Satz am besten erklären?
A. Solid Betschart: Es ist meine persönliche Überzeugung, dass wir heute mehr denn je vom Großkapital fremdbestimmt sind, und dass sich der allgemeine Irrglaube, als Person weitestgehend selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, mit unserem abnormalen Verhalten als leistungsfähige Konsum- und Wegwerfgesellschaft am deutlichsten offenbart. Auch bestimmen längst nicht mehr im Sinne des Volkes handelnde Politiker, sondern im Hintergrund agierende multinationale Großkonzerne, wo es in wirtschaftlicher und geopolitischer Hinsicht langgeht – darum sollten wir Normalbürger uns die Frage stellen, wie viel »Entscheidungsfreiheit« der global vernetzte Mensch und Lohnarbeiter in einem Wirtschaftssystem hat, das buchstäblich nicht nur auf den Schulden seiner eigenen Klasse – der Arbeiterklasse – aufgebaut ist, sondern allein durch stetige Verschuldung und Verschwendung funktionieren und am Laufen gehalten werden kann.
Bruno Steiner: Dann kommen wir jetzt zur Handlung deines Romans »In der Nacht auf morgen«. Das heißt, eigentlich erzählst du darin ja zwei Geschichten, die eine spielt in Zürich, die andere in Ägypten, im weiteren Verlauf des Romans verschmelzen die beiden Handlungsstränge allerdings miteinander. Fangen wir mit Zürich an. Da lernen wir Ritz und Roli kennen, zwei noch junge Zürcher Männer, die in Zürich-Aussersihl gemeinsam einen Veloladen führen. Die beiden gehören der Arbeiterklasse an; sie sind Fußballfans und außerdem politisch interessiert. Tatsächlich bilden sie sich mit Sachbüchern bewusst selber weiter, lesen zum Thema Klassenkampf Karl Marx und dergleichen mehr. Sie bewundern Revolutionäre wie Che Guevara und Fidel Castro. Mit ihrem Veloladen Velo&Werk haben Ritz und Roli denn auch beabsichtigt, sich ein möglichst eigenverantwortliches, unabhängiges Leben aufzubauen …
A. Solid Betschart: Ritz und Roli sind zwei Idealisten, die irgendwann genug davon hatten, nach der Pfeife eines Chefs zu tanzen und von morgens bis abends der Uhr von jemand anderem zu gehorchen. Darum haben sie, um in der Stadt Zürich ihre persönliche Vorstellung eines möglichst selbstbestimmten Daseins zu verwirklichen, nicht nur ihre gesamten Ersparnisse geopfert, sondern sich obendrein mit einem beachtlichen Schuldkredit belastet. Zwar hat der eigene Veloladen es ihnen ermöglicht, ein gewisses Maß an persönlicher Entscheidungsfreiheit hinzuzugewinnen; doch haben sie sehr bald auch erkennen müssen, dass man als verschuldeter Kreditnehmer in keiner guten Ausgangslage ist, wenn es darum geht, sich als einfacher Kleinunternehmer freier zu fühlen und auch noch im harten Konkurrenzkampf zu bestehen.
Bruno Steiner: Ritz und Roli werden aber noch anderweitig Steine in den Weg gelegt. Die Entzauberung ihres gemeinsamen Traums beginnt bereits in der ersten der insgesamt 13 Zürich-Episoden, nämlich mit einem denkbar unpersönlichen eingeschriebenen Brief ihres Geschäftsraumvermieters. Im weiteren Verlauf wird man quasi Zeuge, wie die beiden Freunde für ihre berufliche Zukunft und somit für ihre Ideale kämpfen. Ein dringend benötigter neuer Kredit wird ihnen von den Banken verwehrt, sodass sie sich zuletzt gezwungen sehen, das Geld mit anderen Methoden aufzutreiben: Der illegale Versuch eines Versicherungsbetrugs wird mit äußerster Vorsicht geplant. Die Entscheidung für diesen kriminellen Ausweg und das Bewusstsein der möglichen Konsequenzen stellt die Freundschaft zwischen den Geschäftspartnern Ritz und Roli auf eine harte Probe. Der Leidensdruck und die Ausweglosigkeit aufgrund der klammen finanziellen Verhältnisse sind jedoch so groß, dass schließlich die Verlockung einer nahen Rettung bei beiden stärker ist, als die Angst, dabei erwischt zu werden.
Solid, meine nicht ganz einfache Frage an dich an dieser Stelle: Wann dürfen sich Menschen selbstermächtigen und das Gesetz brechen, um zu ihrem Recht zu kommen?
A. Solid Betschart: Ob und wann es gerechtfertigt ist, sich über ein Gesetz hinwegzusetzen, das hängt meiner Meinung nach von verschiedenen Faktoren ab: einerseits von der Zweckmäßigkeit eines Gesetzes und andererseits von den persönlichen Lebensumständen einer Privatperson, die unter einem bestimmten Gesetz zu leiden hat. Bei der Zweckmäßigkeit eines Gesetzes stellt sich bei mir die Frage, ob ein Gesetz effektiv der Allgemeinheit hilft, ob es das Leben von Bürgerinnen und Bürgern schützt und vereinfacht – oder hat die Regierung es vielmehr verabschiedet, um vielleicht dem staatlichen Kontrollorgan, seiner Bürokratie oder dem Großkapital Vorteile zu verschaffen, womit die Freiheit und Handlungsfähigkeit der meisten Arbeitnehmenden bewusst eingeschränkt worden wäre? In letzterem Fall würde ich sagen, dass ich mich unbedingt für die Selbstermächtigung eines vom korrupten System schikanierten Menschen ausspreche – sofern dadurch nur irgendwelche unterdrückerische Gesetze des Staates ignoriert werden und keine Mitmenschen dadurch Schaden nehmen.
Bruno Steiner: »Wenn einem das kapitalistische System keine andere Wahl mehr lässt, muss man seine Angelegenheiten auf eigene Art regeln.« So betitelst du in fettgedruckter Überschrift auch die kurze Inhalts-Zusammenfassung zu Anfang des Buches. Kann man das als Aufforderung verstehen?
A. Solid Betschart: Ich möchte die Leute nicht zu etwas anstiften. Dieser Satz ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass gerade unser ungerechtes Herrschaftssystem es ist, was uns Menschen manchmal dazu verleitet, aus einem Gefühl der Not heraus auf eigene Faust zu handeln. Wer würde in einer gerechten und auf Gleichheit beruhenden Gesellschaft je andere Leute überfallen und sie bestehlen? Die Menschen machen deshalb Dummheiten, weil das System als solches absolut ungerecht ist. Wie sonst hätte sich zum Beispiel eine Großbank wie die Schweizer UBS die fehlgegangene exzessive Geldgier ihrer Investmentbanker vom Volk bezahlen lassen können, während von den zuvor erzielten x-stelligen Milliardengewinnen hauptsächlich große Privatunternehmen sowie die Bankiers der UBS profitiert hatten? Ich persönlich bin für die »Hilfe zur Selbsthilfe«, wo immer ein korrupter, ungerechter Staat die freie Entfaltung des Menschen bewusst einschränkt.
Bruno Steiner: Reden wir über den anderen, den zweiten Handlungsstrang deines Buches, der in Ägypten spielt. Der Roman beginnt damit, dass Ritz Hürlimann und seine Liebste, die in Luzern aufgewachsene Sandra Goldinger, am 1. März 2020 in Ägypten anreisen. Die beiden sitzen in einem rasenden Taxi, das sie vom Flughafen zu ihrem Hotel in der Millionenmetropole Kairo fährt. Der Fahrweg führt durch eine karge Wüstenlandschaft, vorbei an der ärmlichen äußeren Agglomeration. Dabei findet sich bereits ein krasser Gegensatz zur gewohnten reichen Stadt Zürich, was sowohl bei Ritz als auch bei Sandra einen ersten leichten Kulturschock zur Folge hat. Im weiteren Verlauf ergeben sich mit dem Einbezug von historischen Schauplätzen und durch die Beschreibung ungewohnter Situationen, mit denen das Schweizer Touristen-Paar konfrontiert wird, verschiedene Möglichkeiten, Vergleiche zu zeitgenössischen westlichen Gesellschaftsstrukturen anzustellen. Meine Fragen dazu, Solid: Wie bist du darauf gekommen, Ägypten als zweiten Schauplatz zu wählen, warum nicht zum Beispiel ein europäisches Land oder gar deinen Heimatkanton Schwyz in der Innerschweiz?
A. Solid Betschart: Du hast gerade die Worte »Vergleiche anstellen« benutzt. Genau darum ist es mir mit der Wahl von Ägypten in erster Linie gegangen: Mit keinem anderen Land ließe sich der Untergang von Kultur besser auf die heutigen Vorgänge im 21. Jahrhundert übertragen. Zu seiner Blütezeit ist Ägypten der reichste und am weitesten entwickelte Ort der Welt gewesen. Heute dagegen ist das Land nicht viel mehr als ein Drittweltland, wo die Menschen noch dazu von einer brutalen Militärdiktatur unterdrückt werden. Im Vergleich dazu ist ein Ort wie der wohlhabende Kanton Schwyz, wo man das Brauchtum seiner alten Bauernkultur mit der Cola-Dose in der Hand in die neue Zeit hinübergerettet hat, vergleichsweise uninteressant. Hinzu kommt, dass ich mich für Ägyptens Hochkultur schon seit jeher interessiert habe. Im Jahr 2007 bin ich selbst nach Ägypten gereist. Ich habe also unter anderem vor der Cheopspyramide gestanden und bin aus dem Staunen über dieses 4600 Jahre alte Bauwerk fast nicht herausgekommen. Wie hat eine so überlegene Kultur nur untergehen können, habe ich mich gefragt. Später habe ich in Büchern nach Antworten gesucht und sie gefunden. Nach etwa 3000 Jahren Blütezeit hat sich das Großreich Ägypten, nicht zuletzt mit der kriegerischen Expansion und der Besetzung neuer Gebiete, zunehmend der Korruption ausgesetzt, sich vom Fernhandel abhängig gemacht und schließlich selbst ruiniert.
Bruno Steiner: Dann hat dich also das Alte Ägypten der Pharaonen mindestens ebenso sehr dazu inspiriert, einen Vergleich mit der Realität unseres 21. Jahrhunderts anzustellen?
A. Solid Betschart: Absolut. Auf unser heutiges digitales Zeitalter übertragen, habe ich dabei vor allem an den Imperialismus durch das Großkapital gedacht, das mithilfe der Monopolstellung von global agierenden Unternehmen seinen Einflussbereich bis in die letzten Marktnischen des Planeten ausgeweitet hat und dadurch weltweit für eine kulturelle Verarmung sorgt. Wir erleben mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit einen rasanten Niedergang von Kultur auf globaler Ebene, der durch eine neoliberale Wirtschaftsstrategie umsatzstarker Großunternehmen vollzogen wird. Das daraus resultierende Endresultat kann ich selber nur als flächendeckender Einheitsbrei und somit als kulturelle Wüste bezeichnen. Das habe ich übrigens auch mit dem Buchumschlag auszudrücken versucht. Um beim internationalen Wettbewerb mithalten zu können, sieht die moderne Zivilisation sich heute gezwungen, kulturellen Selbstmord zu begehen. Mit anderen Worten: Wenn Nationen durch den Verlust ihrer eigenen Kultur ihre Identität verlieren, dann geschieht das aufgrund der rücksichtslosen neoliberalen Weltwirtschaft, und nicht etwa wegen der Einwanderung. Einwanderung hat es immer gegeben. Die negativen Folgen des weltweiten Raubbaus mittellosen Asylanten in die Schuhe zu schieben, ist absurd. Meiner Meinung nach ist das die billige Methode einer ignoranten, verachtenswerten Politik, die damit nur ihre eigene Kurzsichtigkeit und Unfähigkeit beweist.
Bruno Steiner: Die Kritik am Kapitalismus, mit seinen negativen Folgen auf die menschliche Gesellschaft und die Gesundheit unseres Planeten, kommt im Buch an mehreren Stellen mit großer Vehemenz zum Vorschein. Ebenso groß ist das persönliche Engagement von Ritz, sein Zürcher Umfeld, insbesondere seine Fußballfreunde, in kapitalismus- und regimekritische Auseinandersetzungen zu involvieren. Sein mit spürbarer Wut vorgetragenes Wissen über die Ungleichheit in der als Vorzeige-Demokratie gefeierten Schweiz bleibt jedoch wirkungslos …
A. Solid Betschart: Halt, lieber Bruno! Du sagst »wirkungslos«? Das sehe ich anders! Meine Romanfigur Ritz Hürlimann ist sicherlich ein Mann mit einer Mordswut im Bauch und mit vielen menschlichen Schwächen. Was ihn allerdings auszeichnet, ist nicht nur seine Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszublicken, sondern eben mit seiner öffentlichen Kritik am System einen individuellen Aktivismus zu demonstrieren, der sowohl in seinem Freundeskreis als auch in Gesellschaft anderer Personen mitunter ansteckend und darum nicht ohne Wirkung ist. Darüber hinaus hat er ja mit seinem eigenen Veloladen einen mutigen Schritt in Richtung der gewollten Selbstbestimmung getan und auch damit »Wirkung bewiesen«.
Bruno Steiner: Das sehe ich durchaus auch so, aber irgendwie scheint ihm der Weg zur Umsetzung einer effektiven Veränderung allein schon durch die eigenen schwierigen Rahmenbedingungen verwehrt. Zudem unterstreicht Ritz‘ problematischer Hang zu Cannabis und Alkohol, dem er sowohl in Zürich als auch in Ägypten mehr als einmal fast bis zur Besinnungslosigkeit nachgibt, den Eindruck, dass es sich dabei wahrscheinlich um die Verdrängung von tiefliegenden existentiellen Lebensthemen handelt?
A. Solid Betschart: Verdrängen wir nicht alle etwas? Meine Romanfigur des Moritz »Ritz« Hürlimann ist wie jeder Mensch ein komplexes, sensibles Lebewesen. Hin und wieder hat er mit Altlasten aus der Vergangenheit zu kämpfen; ein andermal versucht er, den ganzen Alltagsstress, den sein Leben als finanzarmer Kleinunternehmer mit sich bringt, vorübergehend zu vergessen. Das macht ihn menschlich. Außerdem konfrontiert seine Sandra ihn mit ihrem Kinderwunsch, wodurch nur wieder neue Bedenken in ihm wachgerufen werden. Wie jeder wirkliche Mensch sind auch meine Romanfiguren das unmittelbare Resultat ihres sozialen Standes in der Gesellschaft und ihrer familiären Verhältnisse. In meinem Buch wird deutlich, dass zum Beispiel Ritz‘ Beziehung zu seinem Vater sowie zum einzigen Bruder seit vielen Jahren zerrüttet ist, und dass diese gegenseitige Entfremdung tatsächlich an der ganzen Familie nagt. Hinzu kommt, dass Ritz‘ Leben innerhalb der Gesellschaft – wie wir es bei uns in der Schweiz kennen – vom Konkurrenzdenken bestimmt ist. Es ist ein Gegeneinander, statt ein Miteinander, und das ist es auch, was uns als Privatpersonen im Wesentlichen prägt. Darum habe ich auch ganz bewusst darauf verzichtet, mit Ritz Hürlimann einen unfehlbaren sympathischen Helden darzustellen.
Bruno Steiner: Das ist dir zweifellos bravourös gelungen! An einigen Stellen haben mich seine rüpelhaften Charakterzüge stark an Personen erinnert, die mir in meiner eigenen innerschwyzer Vergangenheit begegnet sind. Ich weiß inzwischen, dass solche Charaktereigenschaften, die im täglichen »Miteinander« manchmal völlig unbewusst verletzende Verhaltensweisen zur Folge haben, nicht auf bestimmte Regionen beschränkt sind. Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land: Personen, die eigene zwischenmenschliche Verletzungen und Kränkungen weder reflektieren noch aufarbeiten können, gibt es überall. Und doch frage ich mich, Solid, wie viel an selbst Erlebtem aus deinem persönlichen Herkunftsort – aus Muotathal – in die Figur von Ritz Hürlimann eingeflossen ist?
A. Solid Betschart: Was das angeht, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass zwischen meinem früheren Leben in Muotathal und dem Charakter meiner Romanfigur Ritz Hürlimann keinerlei Zusammenhang besteht. Das hätte ich schon allein deshalb nicht zugelassen, weil Ritz‘ Figur durch und durch ein Stadt-Zürcher ist. Inzwischen lebe ich bereits seit 24 Jahren in Zürich, daher habe ich viel Zeit gehabt, die Stadtzürcher kennenzulernen. Du hast gesagt, Ritz hätte rüpelhafte Charakterzüge, die Meinung teile ich nicht. Er ist viel eher ein williges Opfer des in Zürich weit verbreiteten Zynismus, der unter Männern oft und gerne gepflegt wird. Als in Muotathal Aufgewachsener bin ich buchstäblich dagegen immun! Diese angriffige, spöttische Art, die es als Nachwehen des einstigen Patriarchats ins 21. Jahrhundert geschafft hat, habe ich natürlicherweise auf Ritz‘ Figur angewendet, wodurch er verschiedentlich beleidigend oder unsensibel ist. Allerdings, und das halte ich für wichtig, wirst du nach dem Lesen des Buches zugeben müssen, dass Ritz aus lauter Nervosität über den geplanten Versicherungsbetrug gute Gründe hat, sich manchmal daneben zu benehmen.
Bruno Steiner: Ja, tatsächlich! Mit großer Menschenkenntnis und Empathie vermagst du ihn – trotz seiner zahlreichen Fehler – insgesamt als eine differenzierte, vielschichtige Persönlichkeit darzustellen, die sich in nicht für möglich gehaltene Sphären weiterentwickelt. Und die Nervosität, die du ansprichst, hat ja auch noch eine innerfamiliäre, oder besser gesagt interfamiliäre Komponente. Was Ritz von seinen Eltern und dem Bruder alles verheimlicht wird … Kein Wunder, ist es ihm verwehrt, in tiefer Zufriedenheit zu leben! Und das trotz seiner Sensibilität, Neugier und Kommunikationsfähigkeit.
A. Solid Betschart: Meine Erfahrung ist, dass gerade vielschichtige Persönlichkeiten oft Menschen sind, die in Sachen Sozialkompetenz ein Defizit aufweisen. Meine Romanfigur des Ritz Hürlimann ist eine solche Persönlichkeit. Nicht umsonst überlässt Ritz im Veloladen die Kommunikation mit dem Kundenkreis seinem Geschäftspartner Roli. Ritz ist ein an der westlichen Gesellschaft krankender Mensch – was allerdings nicht ausschließt, dass er einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit besitzt und reichlich verstecktes Potential in ihm schlummert! Das weiß auch seine Liebste, Sandra, die ganz anders als Ritz gerne auf Menschen zugeht und überhaupt überaus unvoreingenommen und kontaktfreudig ist.
Bruno Steiner: Lass uns kurz auf Sandras Rolle eingehen. Mit ihr beschreibst du eine freundliche, offene, noch junge Frau, die vor allem versucht, sich auf die positiven Dinge des Lebens zu konzentrieren. Auch ist im Unterschied zu Ritz auffallend, wie intensiv Sandra die enge Beziehung mit ihren nächsten Familienangehörigen pflegt. Wo Ritz sich mit der Vorstellung schwertut, eine eigene Familie zu gründen, ist der Gedanke des Mutter-werdens bei Sandra von zentraler Bedeutung. Sie reflektiert, geht nach innen, mit dem täglichen Ziehen einer Tarot-Karte wird sehr schön deutlich gemacht, dass sie an die übersinnlichen Kräfte des Universums glaubt und auf das Gute im Menschen vertraut. Im Verlauf des Romans gewinnt man außerdem zunehmend den Eindruck, dass sie in vieler Hinsicht stärker und in ihrer Entschlossenheit energischer ist, als ihr ewig skeptischer Ritz.
A. Solid Betschart: Das alles trifft weitestgehend zu. Ich möchte sogar sagen, dass Sandra und Ritz etwa so gegensätzlich wie Yin und Yang sind, und dass eine gegenseitige Anziehungskraft vielleicht allein deshalb besteht, weil sie wie beim Yin und Yang-Symbol etwas haben, was sich letztlich eben doch zusammenfügen lässt. Im Buch wird ja mehrmals deutlich gemacht, dass die beiden selbst nicht genau wissen, weshalb sie sich eigentlich ineinander verliebt haben. Sicher aber ist, dass auch die optimistische Sandra persönliche Krisen durchmacht – das Legen von Tarot-Karten und die damit verbundene Suche nach Antworten ist dafür nur eines der Indizien. Übrigens gilt es als erwiesen, dass die Menschen seit jeher gerade bei größeren Krisen zunehmend im Okkultismus nach Erklärungen und Antworten suchen; das ist schon im Alten Ägypten so gewesen; damit hat sich zwischen Sandras eigenem Ritual und der fernen Vergangenheit der mystischen Riten und Zaubersprüche quasi eine Brücke bauen lassen.
Bruno Steiner: Kommen wir doch noch einmal kurz auf Ägypten zurück. Die Verbindung von historischem Wissen rund um die Pharaonen und den damaligen Gesellschaftsstrukturen mit den aktuellen soziologischen Verhältnissen, ist sehr erhellend. Weit entfernt vom Mystifizieren glorreicher Taten und weltwunderbarer Bauwerke schaffst du es, mit bezugsschaffenden Details zu den jeweiligen Lebensbedingungen, längst vergangene Ereignisse anschaulich zu vermitteln und mich als Leser neugierig zu machen. Der große Wissensschatz von Ritz rund um die Herrschaftsstrukturen der Pharaonen stellt jedoch einen deutlichen Kontrast zu den antikapitalistischen, antifeudalen, sozialistischen Ideen von Ritz dar. Ist das nicht eigentlich ein Widerspruch?
A. Solid Betschart: Es ist kein Widerspruch, sich als neugieriger, von Natur aus interessierter Mensch auch mit Weltanschauungen zu beschäftigen, die man selber grundsätzlich ablehnt. Ritz Hürlimann ist zum Beispiel fasziniert davon, wie die absolutistisch herrschenden Pharaonen ihre Macht eingesetzt haben und was für Lebensbedingungen dadurch geschaffen worden sind. Das ist für Ritz Teil seiner persönlichen Weiterbildung. Er selbst sagt ja einmal im Buch, dass ihn, wenn es um das Alte Ägypten geht, die damalige Politik der Pharaonen eigentlich am meisten interessiert. Mit seinem Wissensdurst und dem antrainierten Bewusstsein, über den Tellerrand hinauszublicken, möchte Ritz eine Welt besser verstehen, die heute mehr denn je im Chaos zu versinken droht.
Bruno Steiner: Mit der ägyptischen Geschichte und Kultur scheinst du dich besonders intensiv zu befassen. Welche Erkenntnisse aus der Ägyptologie könnten Deiner Meinung nach in die aktuelle Demokratie in der Schweiz einfließen?
A. Solid Betschart: Das ist eine interessante Frage. Soweit ich das als Laie beurteilen kann, hat es zur Zeit der Pharaonen einen gewinnorientierten Lobbyismus, wie er heute ganz selbstverständlich auch in demokratischen Ländern die Politik maßgeblich mitbestimmt, nicht gegeben. Damit möchte ich sagen, dass im wesentlich unkomplizierteren Wirtschaftssystem der Bauern, Handwerker und Kaufleute, die im Alten Ägypten zahlenmäßig die große Mehrheit des Volkes ausgemacht haben, die Ernährung und Behausung des Menschen nicht durch irgendein zermürbendes Konkurrenzdenken ermöglicht worden ist, sondern durch eine von einer Zentralverwaltung des Königs gut organisierten kollektiven Zusammenarbeit. So ein Dasein mag im Vergleich zu unseren heutigen Lebensstandards ärmlich und in seinen Möglichkeiten viel zu beschränkt erscheinen, allerdings glaube ich, dass so ein menschliches Kollektiv – das ja fast schon sozialistischen bzw. kommunistischen Charakter gehabt hat – sich unter Pharao Cheops in mancher Hinsicht durchaus freier und unabhängiger gefühlt hat, als es heutzutage unter uns Berufstätigen allgemein der Fall ist.
Bruno Steiner: Als bildender Künstler bediene ich mich visueller Sprachen als zwischenmenschliches Kommunikationsmittel. Manchmal stelle ich mir dabei die schwierige Frage, für wen ich denn meine Kreationen überhaupt erarbeite. Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich jedoch weniger von dir wissen, ob du den Roman »In der Nacht auf morgen« für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben hast, als vielmehr fragen, zu was dein zeitkritischer Gesellschaftsroman die Menschen ermutigen soll?
A. Solid Betschart: Unsere festgefahrene Denkweise infrage zu stellen! Damit meine ich die auf Ausbeutung basierenden alten Denkmuster, die leider auch die Überzeugungen der allermeisten politischen Führungspersonen von Grund auf bestimmen. Hinzu kommt, dass sich die Denkweise des Menschen mit den heute gebräuchlichen öffentlichen Medien gewinnbringender als je zuvor kontrollieren lässt und damit eine höhere Menschwerdung der Allgemeinheit von vornherein verhindert wird. Für einen ermutigenden Schlusspunkt möchte ich deshalb das bereits erwähnte Zitat meiner Frau, Fork Burke, heranziehen, das auch als ein allgemeiner Aufruf zu verstehen ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und die Welt gemeinsam, zum friedlichen Nutzen aller Menschen, zu verändern: »Biege die Welt zurecht, wie deine Bedürfnisse es erfordern.«
Bruno Steiner: Lieber Solid, vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch.
A. Solid Betschart: Ich habe zu danken für dein lebhaftes Interesse und die guten Fragen zum Buch, lieber Bruno!